Auf Basis aktueller Meta-Analysen und deutscher Versorgungsdaten zeigt dieser Beitrag, dass ambulante Psychotherapie in Deutschland jährlich etwa 224 Suizide verhindert, abhängig von der angenommenen Ratio von Suizidversuchen zu vollendeten Suiziden (10:1 bis 20:1). Die Berechnung kombiniert die Risikoreduktion durch Psychotherapie (RR = 0,72) mit der gewichteten Suizidrate von 0,50 pro 1.000 Personenjahre in der Psychotherapie-Population (1,6 Mio. Patient:innen). Damit unterstreicht die Analyse: Psychotherapie ist eine sehr effektivste Suizidpräventionsmaßnahme.
Verhindert Psychotherapie überhaupt Suizide?
Zum Glück gibt es zu dieser Frage eine recht aktuelle Meta-Analyse von randomisiert-kontrollierten Studien. Dabei fanden die Autor:innen heraus: Psychotherapie hilft nicht nur gegen Suizidgedanken, sondern auch gegen suizidales Verhalten, genauer gesagt Suizidversuche und Selbstverletzungen, die zu Krankenhausaufenthalten führen – und publizierten diese Ergebnisse in JAMA Psychiatry. Sie waren außerdem so freundlich, mir die Daten der Analyse zuzusenden, sodass ich selbst über alle Studien hinweg ausrechnen konnte, wie viele Suizidversuche pro 100 behandelten Patient:innen das sind. Das relative Risiko war 0.72 zugunsten der Psychotherapie (Anhang 1a), oder eine Risikodifferenz zwischen Psychotherapie- und Kontrollgruppen von -0,038 (Anhang 1b). Das heißt: Psychotherapie verhindert im Vergleich zu Kontrollgruppen ca. 3.8 Suizidversuche pro 100 behandelte Patient:innen. In den meisten Studien waren auch die Patient:innen in den Kontrollgruppen in Behandlung durch Psychopharmaka.
Die Suizidrate
Nun sind Suizidversuche keine Suizide. Dazu, wie viele Suizide auf wie viele Versuche kommen, fand ich bei der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention ein Verhältnis von 1:10 bis 1:20. Da es sich um eine Schätzung handelt, beziehe ich sowohl die Ober- als auch die Untergrenze mit ein. Bei 10.372 Suiziden im Jahr 2024 waren es also ca. 103.720 bis 207.440 Suizidversuche in der Gesamtbevölkerung.
Wichtiger ist, wie es mit den Patient:innen aussieht, die tatsächlich eine ambulante Psychotherapie machen. Hier ist die Datenlage dünn für Deutschland. Eine Kohortenstudie aus Südkorea hat detaillierte Zahlen, allerdings hat Südkorea eine der höchsten Suizidraten der Welt. Unter der Annahme, dass zumindest der relative Anstieg des Risikos durch eine psychische Störung in Deutschland ähnlich ist wie in Südkorea, verwende ich die Ergebnisse und die deutschen Zahlen für die allgemeine Suizidrate (12,4 pro 100.000 Einwohner). So ergeben sich je nach Diagnose unterschiedlich hohe Suizidraten.
Für Persönlichkeitsstörungen erhalte ich 0,95 pro 1.000 Personenjahre, für Depressionen 0,37, für Essstörungen 0,24. Nun müssen diese Raten noch an den Anteil der jeweiligen Diagnosen am Gesamtaufkommen ambulanter Patient:innen gewichtet werden und erhalte eine gewichtete Suizidrate von 0,50 pro 1.000 Personenjahre (Anhang 2). Das ist etwa viermal höher als in der Allgemeinbevölkerung.
Der Beitrag der Psychotherapie
Jährlich erhalten, wenn man den Zahlen des GKV-Spitzenverbandes glauben kann, 1,6 Millionen Deutsche eine Psychotherapie. Bei diesen wäre ohne Psychotherapie mit ca. 800 Suiziden pro Jahr zu rechnen (1.600.000 × 0,50/1.000). Das entspricht - je nach angenommener Verhältniszahl - 8.000 bis 16.000 Suizidversuchen pro Jahr (bei 10 bis 20 Versuchen pro vollendeten Suizid).
Ambulante Psychotherapie geht mit einem relativen Risiko von 0,72 (95 % KI: 0,63-0,81) für Suizidversuche einher. Das bedeutet: Psychotherapie reduziert das Risiko eines Suizidversuchs um 28 %. Angewandt auf die geschätzten Suizidversuche in der deutschen Psychotherapie-Population ergibt sich, dass Psychotherapie jährlich zwischen 2.240 und 4.480 Suizidversuche verhindert - je nach angenommener Verhältniszahl (95 % KI: 1.520-5.920).
Da die Verhältniszahl (Versuche pro Suizid) sich beim Zurückrechnen auf vollendete Suizide wieder herauskürzt, ergibt sich unabhängig von der angenommenen Ratio dasselbe Ergebnis:
Ambulante Psychotherapie verhindert in Deutschland jährlich ca. 224 Suizide (95 % KI: 152-296). Ohne sie wäre die Suizidrate in der Gesamtbevölkerung mehr als 2% höher, innerhalb der behandelten Population sogar um 28%.
Anhang
1 - Ergebnisse des metaanalytischen Modells über alle verfügbaren Studien hinweg
(a) Relatives Risiko
(b) Risikodifferenz
2 - Gewichtete Suizidraten für die deutsche Psychotherapie-Population
| Diagnosegruppe (ICD-10) | Anteil (%) | Suizidrate pro 1.000 PJ | Beitrag zur Gesamt-Suizidrate |
| ----------------------- | ---------- | --- --------------------| ----------------------------- |
| F43 (Belastungsstörungen/PTSD) | 32,2% | 0,42 | 0,322 × 0,42 = 0,135 |
| F32 (Depressive Episode) | 28,8% | 0,37 | 0,288 × 0,37 = 0,107 |
| F33 (Rezidivierende Depression) | 22,8% | 0,37 | 0,228 × 0,37 = 0,084 |
| F41 (Angststörungen) | 15,6% | 0,33 | 0,156 × 0,33 = 0,052 |
| F45 (Somatoforme Störungen) | 8,6% | 0,124 (Allgemeinbevölkerung) | 0,086 × 0,124 = 0,011 |
| F40 (Phobische Störungen) | 7,1% | 0,33 | 0,071 × 0,33 = 0,023 |
| F60 (Persönlichkeitsstörungen) | 5,8% | 0,95 | 0,058 × 0,95 = 0,055 |
| F42 (Zwangsstörung) | 3,0% | 0,58 | 0,030 × 0,58 = 0,017 |
| F50 (Essstörungen) | 2,7% | 0,24 | 0,027 × 0,24 = 0,007 |
| F10 (Alkoholstörung) | 1,3% | 0,55 | 0,013 × 0,55 = 0,007 |
| Summe | ~90% | – | ≈ 0,498 Suizide/1.000 PJ |